Der urgermanische Download

Derzeit scheint es schick zu sein, Anglizismenkritiker durch den Kakao zu ziehen. Auslöser ist die Rede des Grünen-Abgeordneten Miro Jennerjahn im sächsischen Landtag, der mit Witz und Elan das Ansinnen der dortigen NPD-Fraktion, die Verwaltung auf das Vermeiden von Anglizismen zu verpflichten, genüsslich auseinanderpflückt, indem er etwa über Ursprünge des Englischen im „Urgermanischen“ referiert und dabei „Download“ kurzerhand zum Inbegriff altsächsischer „Sprachpflege vom Feinsten“ deklariert.

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Die Idee, dem Antrag aus der rechten Fraktion derart zu begegnen, ist grandios und unterhaltsam, wenn auch didaktisch fragwürdig vorgetragen. Die Kritik an der französischen Praxis, Lehnwörter zu vermeiden, mag in diesem Rahmen verständlich sein, aber dabei ausgerechnet den „Ordinateur“ als Beispiel anzuführen, zeugt von wenig Sachkenntnis. Es ist ein schönes französisches Wort (geworden) und wird in Frankreich selbstverständlich auch gebraucht und verstanden. In diesem Zusammenhang von „Parallelwelt“ zu sprechen, geht an der Realität vorbei. Es unterstellt eine Internationalität der Nationalsprachen, die es so nicht gibt. Schließlich wird auch nicht auf das deutsche Wort Handy verzichtet unter Hinweis darauf, dass Engländer und Franzosen es nicht verstehen. Auch würde man im Deutschen als Entsprechung für Computer eben nicht „Zusammenzähler“ sagen, sondern – wie vielerorts bereits sehr verbreitet – schlicht und einfach „Rechner“.

Vor allem geht bei der Begeisterung darüber, wie es hier der NPD vermeintlich intellektuell mal wieder gezeigt wurde, völlig unter, dass Kritik an inflationärem Gebrauch englischen Vokabulars durchaus seine Berechtigung hat und ein Thema darstellt, das man dem äußeren rechten Rand der Politik nicht allein überlassen sollte, sondern etwas ist, das allen Deutschsprechenden jeden Tag begegnet.

Nachtrag 1.11.: Ausführlichere, sprachhistorisch fundierte Kritik an Jennerjahns Argumentation bei Belles Lettres.



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